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Top 9 bis 10 der japanischen Sekten, Kulte und Gurus…

9. Yamagishi-kai

Jesus erweckte Tote zum Leben, Mohammed flog innerhalb einer Nacht von Mekka nach Jerusalem und Buddha setzte sich zumindest ziemlich ausdauernd unter einen Baum. Dagegen muten die Verdienste des Gründers und Namenspaten der Yamagishi-kai, Miyozo Yamagishi, zunächst äußerst bescheiden an: der englischen Homepage seiner Organisation zufolge entdeckte er kurz nach dem zweiten Weltkrieg einen Weg „Synergien zwischen traditionellem japanischen Reisanbau und Geflügelzucht zu nutzen“. Wäre er zusätzlich auch noch auf den Trichter gekommen die Reisabfälle an Schweine zu verfüttern und neben Synergien auch noch nachhaltige Kompetenzen und dergleichen schöne Blähworte mehr zu verwenden, hätte er vermutlich mittlerweile die Weltherrschaft inne, aber so hat es zu nicht viel mehr als ein paar versprengten quasi-religiösen Landwirtschaftskommunen gereicht.

Dieser sichtlich unter Blähungen leidende Herr ist das erste Ergebnis der Google Bildersuche nach Yamagishi

Yamagishi hatte noch einige andere geniale Eingebungen, wie beispielsweise die Erkenntnis, dass weder Mensch noch Natur ohne einander sein können. Um die angeblich verlorene Balance zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen, gründete er „freundliche und freudige Dörfer in denen niemand Geld braucht“ und war sogar so freundlich neue freudige Mitglieder von der Last ihres überflüssigen Vermögens zu befreien.
Die Gruppe genoss besonders in den 60ern Jahren einige Popularität, heutzutage hat sie noch um die dreitausend Mitglieder, verstreut auf einige freundlich/freudige Dörfer in Japan und  anderen Ländern. Selbstverständlich weist man es weit von sich eine Sekte zu sein, schließlich habe man keinerlei religiöse oder politische Ambitionen. Und sie haben recht: wer undurchsichtige Schulungskurse anbietet und von deren Teilnehmern verlangt Familie, Wohnort und Vermögen aufzugeben ist natürlich genausowenig eine Sekte wie die nun folgende Nummer 10 der Liste:

10. Sukyo Mahikari

Diese Bewegung wurde von Yoshikazu Okada gegründet, einem ehemaligen kaiserlichen Offizier, welcher während eines Fiebertraums eine Vision hatte, in der ihm ein rauschebärtiger Gott auf einer Wolke erschien der gerade dabei war seine Kleider in einer goldenen Badewanne zu reinigen, alles in allem eine überaus solide Basis für die Gründung einer Religion. Okawa deutete seinen Traum dahingehend, dass Gott ihn beauftragt habe die Welt spirituell zu säubern und machte sich flugs ans Werk. Nach seinem Tod spaltete sich seine Bewegung in mehrere Untergruppierungen, Sukyo Mahikari wurde von Okawas Adoptivtochter Keishu Okada gegründet und lehrt unter Anderem, dass alle großen antiken Zivilisationen wie beispielsweise Ägypter und Sumerer ursprünglich von japanischen Gesandten beeinflusst wurden, Jesus in Japan gestorben ist und im Jahr 2000 die Welt unterging. Wem dies attraktiv erscheint, darf an einem dreitägigen Einführungsseminar teilnehmen und erhält ein Medaillon zur Übermittlung von Licht, welches jegliche Medikamente, Psychotherapien etc. überflüssig macht. Selbstverständlich ist eine Mitgliedschaft wie auf der Homepage der Sekte verkündet kostenlos, es fallen lediglich Seminargebühren, Monatsbeiträge, das tägliche Opfer für den Empfang des Lichts, sowie diverse Sonderspenden an das Hauptquartier in Japan an.

Einer der bescheidenen Sektentempel - finanziert durch kostenlose Mitgliedschaften

Noch ein Artikel über japanische Politik, aber dafür mit einer enorm lustigen Schlussanekdote

Nach zwei Wahlgängen und diversen ungeheuer aufwendig zelebrierten Zählungen der abgegebenen Stimmzettel dürfen sich die Japaner in Bälde über einen neuen Premierminister freuen. Gewonnen hat Yoshihiko Noda, der bisherige Finanzminister, den Keiko und ich überhaupt nicht leiden können, da er ohne jegliche Rücksichtnahme genau in dem Moment in dem Keiko ihr Vermögen in Euro umwechseln wollte den Yen nach unten gedrückt hat. Laut Japan Today waren seine ersten Worte nach der Wahl “Lasst uns zusammen für das Wohl des japanischen Volkes schwitzen!”, ein Ausdruck der auf japanisch hoffentlich ein wenig eleganter klingt.
Ein Hauptgrund für die Wahl Nodas war anscheinend, dass er im Gegensatz zu Banri Kaieda, seinem Widersacher in der Stichwahl, nicht von Ichiro Ozawa, genannt der Schatten-Shogun, gestützt wurde. Dieser bestimmt seit Jahren die Geschicke der japanischen Politik aus dem Hintergrund mit, ist in zahlreiche Skandale verwickelt und laut Keikos Eltern so etwas wie eine Mischung aus Hitler, dem Antichrist und Guido Westerwelle.
Bleibt zu hoffen, dass Noda, der fünfte Premierminister in gerade einmal 4 Jahren, für mehr Kontinuität sorgen kann als seine Vorgänger und sich nicht vor lauter Schwitzen zu sehr verausgabt.
Und weil Google Chrome mir gerade sehr selbstbewusst verkündet, dass es in der Lage ist Nodas japanische Wikipediaseite auf Deutsch zu übersetzen, hier noch eine humorvolle Anekdote aus seinem Leben:

Parteivorstandes Gruppe lock-geboren guter Freund der Informationen, weist darauf hin, dass sie fällig war. Darüber hinaus, Sumio Mabuchi nach Noda und trat aus dem Landtag Angelegenheiten Vorsitzender Kagurazaka Sie an der Bar trinken, Noda: “Nun, bringen, dass Shikanee viele zum Grab hatte ich” sagte.

Fünf Freunde und der geheimnisvolle Premierminister

Preisfrage: Um wen handelt es sich bei diesen fünf sichtlich kontaktbedürftigen, älteren Herren?

1. Die japanische Version von Ocean’s 11 für die aufgrund der Wirtschaftskrise sechs Charaktere wegrationalisiert werden mussten?
2. Die Protagonisten eines anti-Monogamie Werbespots?
3. Die Opfer eines tragischen Sekundenkleberunfalls?

Ich habe selbstverständlich mal wieder zwei Kardinalfehler bei der Erstellung von Multiple Choice Tests begangen und nicht nur die richtige Antwort weggelassen, sondern auch die Distraktoren (ja, so heißen die falschen Antworten bei MC-Tests, keine Ursache…) viel zu lächerlich gewählt.
In Wahrheit handelt es sich bei diesem Bild um die momentan durch alle japanischen Medien geisternden fünf potentiellen Nachfolger des gestern zurückgetretenen Ministerpräsidenten Naoto Kan. Kan verfügt nicht nur über einen epischen Nachnamen, er hat während seiner für japanische Verhältnisse fast schon langen Amtszeit von über einem Jahr eigentlich keine schlechte Arbeit geleistet, doch haben ihm Wirtschaftskrise und Erdbeben letztendlich das Genick gebrochen. Mehr zu Kan auch bei Tabibito.
Die demokratische Partei bemüht sich nun einen geeigneten Nachfolger zu bestimmen, klarer Favorit unter den fünf Kandidaten ist der ganz links zu sehende Seiji Maehara. Dieser hatte bis vor kurzem noch das Amt des Außenministers innegehabt, musste jedoch zurücktreten, als bekannt wurde, dass er eine Spende über 250.000 Yen, etwa 2000 Euro, von einer befreundeten koreanischen Restaurantbesitzerin angenommen hatte, ein Betrag also der in gewissen politischen Kreisen Deutschlands höchstens für ein paar amüsierte Schenkelklopfer gut gewesen wäre. Wäre die Spende von einem Japaner ausgegangen, hätte es auch überhaupt kein Problem gegeben, aber das japanische Parteispendengesetz verbietet ausdrücklich Spenden durch nicht-Japaner um zu verhindern, dass das Ausland politischen Einfluss ausübt.
Bereits morgen wird sich entscheiden wer von den Fünfen das Rennen macht, dieses Mal spielt selbstverständlich auch die Frage nach der Zukunft der japanischen Atomenergie eine Rolle. Maehara gibt sich diesbezüglich am radikalsten und verspricht keine neuen Atommeiler zu bauen und binnen 40 Jahren aus der Atomkraft auszusteigen.
Mein persönlicher Favorit ist der ganz rechts abgebildete Michihiko Kano von dem ich rein gar nichts weiß, der aber so putzig, unbeholfen und verkrampft dasteht und guckt, dass er alle meine Sympathien hat. Aber auch ein Japan das vordergründig von Maehara, aber insgeheim von einer 72 jährigen, koreanischen Barbecuerestaurantbesitzerin kontrolliert wird, verspricht interessant zu werden.

Es kriselt im Gebirge

Ich schlage mich momentan mit einer gewaltigen Schreibblockade herum, denn wie bereits erwähnt hat Keiko Job und Wohnung in Tokio gekündigt, und ich werde somit nicht mehr mit Eindrücken aus einer Riesenmetropole berieselt, sondern befinde mich in einem Bergkaff, welches über eine Ampel, einen 7-Eleven und eine Kuhweide mit astronomischen Eintrittsforderungen verfügt. Der Supergau vor dem hier alle Menschen zittern, nämlich dass eine entlaufene Kuh bei Rot über die Ampel rennt, einen Auffahrunfall zwischen zwei Traktoren verursacht und dann vor lauter Schreck durch die automatische Schiebetür des 7-Eleven rennt und die Einrichtung massakriert, ist allerdings gottseidank noch nicht eingetreten. immerhin hat sich vor zwei Wochen ein Problembär in einen örtlichen Vorgarten verirrt, aber bis die Medien eingetroffen waren um über dieses epochale Ereignis zu berichten, fanden sie nur noch ein paar Tatzenabdrücke im Gemüsebeet vor. Immerhin hat der Bär den Absatz für Abschreckungsglöckchen für Wanderstöcke mit Sicherheit in astronomische Höhen befördert und das kann die lokale Wirtschaft bestimmt gut vertragen, denn auch in den Bergen hat die Rezession zugeschlagen. Sugadaira ist primär ein Wintersportgebiet, im Sommer versuchen sich die zahlreichen großen Hotels mit Trainingscamps für Sportmannschaften über Wasser zu halten, was jedoch nur teilweise zu funktionieren scheint. Sehr viele Gebäude sehen stark renovierungsbedürftig aus bzw. stehen leer; bei den meisten Sportlergruppen handelt es sich um Schulteams die abends um 10 brav im Bett sein müssen anstatt ihr Taschengeld in der lokalen Ökonomie zu versenken.
Manche Bauern gehen sogar so weit die stillstehenden Skiareale zu bepflanzen was mit Sicherheit ncht die ertragreichste Art der Bodenbewirtschaftung ist. Es bleibt zu hoffen, dass das Snickers das ich mir gestern in meiner Verzweiflung ob der Überflutung meines Verdauungstraktes mit Meeresprodukten gekauft habe ausreicht die finanziellen Geschicke des Dorfes herumzureißen.

Back in Action

Nach langer Pause ist es endlich wieder an der Zeit den Staub von meiner Homepage zu pusten und eine Erklärung nachzuliefern warum mich die Japaner schon so lange entbehren mussten. Das lag weniger an Fukushima, diesbezüglich kamen mir die Leute in Deutschland eh verstrahlter vor als die Japaner, sondern daran, dass meine Fernbeziehung nach nunmehr fast 8 Jahren beendet ist.
Und während ob dieser Mitteilung nun reihenweise sensible Damen in sanfte Ohnmachten fallen und sich finnische Depressionsfilmregisseure die Rechte an meinem tragischen Lebenslauf sichern sei verkündet, dass all jene Personen einer genial konstruierten literarischen Finte aufgesessen sind, denn meine Fernbeziehung ist zwar tatsächlich beendet, allerdings nur weil sich Keiko entschlossen hat für die nächsten Jahre nach Deutschland zu ziehen. Ich fliege daher zum vorerst letzten Mal nach Japan um ihre Eltern davon zu überzeugen, dass das auch eine gute Idee ist.

Da Keiko also ziemlich viel für mich aufgibt, habe ich mein Möglichstes getan ihr das Leben in Deutschland so angenehm wie möglich zu gestalten und einen eventuellen Kulturschock zu vermeiden. Zu diesem Zweck habe ich unter anderem von einem Versandhandel der sich auf Badewannenhebebühnen und Treppenlifte spezialisiert hat den einzigen in Deutschland erhältlichen beheizten Klositz erworben, auf dem die Liebste auch in Deutschland nicht das anheimelnde Gefühl missen muss sich direkt nach einem sehr dicken und in fünf Temperaturstufen erhitzbaren Menschen auf die Schüssel zu setzen. Ob dies ausreicht damit sich Keiko im schönen Schwabenland akklimatisiert gibt es dann ab dem 3. September zu erfahren, ich vertreibe mir die restlichen Flugstunden bis Tokio jetzt wieder mit der für das Air France Bordkino zensierten Fassung von Stirb Langsam bei der Bruce Willis mit seinem verzauberten Sturmgewehr so lange magische Szenenwechsel herbeiführt bis auch der letzte Terrorist spurlos verschwunden ist.

The Big One II

Nach einer sehr kurzen Nacht, die ich größtenteils mit dem tranceartigen Betätigen der F5 Taste verbracht habe, gelobe ich hiermit den heutigen Tag über keine Nachrichtenseiten mehr zu besuchen. Es scheint vor allem eine Eigenschaft deutscher Medien zu sein, dass bei allen Katastrophenmeldungen ein ganz leichtes, unterschwelliges Triumphieren darüber mitschwingt, dass man endlich nicht mehr über Dschungelcamp und den Ex-Selbstverteidigungsminister berichten muss. Objektive Berichterstattung kann getrost aus dem Fenster gekippt werden, wenn man solch schöne Vokabeln wie “Jahrtausendbeben”, “Tschernobyl 2.0″ und “Naturgewalt bezwingt Top-Technologie” verwenden kann. Was, wenn nicht Top-Technologie hat denn eine ähnliche Katastrophe wie auf Haiti verhindert? In welchem anderen Land würde das hier zu sehende Hochhaus seine Schunkelpartie unbeschadet überstehen? Oder um einen momentan sehr populären Twitter-Post zu zitieren: “The headline you won’t be reading: Millions saved in Japan by good engineering and government building codes”

Bei der Bildzeitung fürchtet nicht nur wie sonst “ganz Deutschland”, sondern gleich “die ganze Welt” den “Horror-Atomunfall”, einbestellte Atomkraftsachverständige, die ähnlich wenig Kompetenz ausstrahlen wie ihre auf den nahen Osten spezialisierten Kollegen, erklären warum AUCH DEUTSCHLAND betroffen sein kann, und manch ein ausgemachter Gutmensch kann nicht ganz verhindern, dass ihm seine Maske entgleitet und dahinter die Fratze des schadenfrohen, misanthropischen deutschen Kleinbürgers zum Vorschein kommt, der es “schon immer gewusst hatte, aber auf den ja niemand hören wollte”. Und wenn irgendwann keine wirkliche Steigerung mehr möglich ist hält man halt irgendwelchen Passanten ein Mikro vor die Nase, damit sie erzählen können was sie gerade gemacht haben als Tschernobyl in die Luft flog.

Eigentlich ist man ja abgehärtet, da sich diese Phänomene bei allen größeren Katastrophen beobachten lassen, wenn es sich jedoch um ein Land handelt das man liebgewonnen hat, in dem sich Freunde und fast-Familienmitglieder aufhalten ist die mediale Katastrophensuperlativiererei, um mal ein besonders schönes neues Wort zu erfinden, unerträglich.
Wer noch nicht ganz von der Furcht vor dem Horror-Atomunfall gelähmt ist, sollte dringend eine der folgenden Seiten besuchen und einen kleinen Beitrag dafür leisten, dass die hysterischen Katastrophenmeldungen bald ein Ende nehmen.

The Big One (Erdbeben in Tokio)

Anhand der geringen Eintragsfrequenz auf meiner Homepage ließ es sich ja bereits schließen, dass mich das heutige Erdbeben nicht zu einem plündernden und brunnenvergiftenden Anführer eines Ausländermobs gemacht hat, da ich im relativ naturkatastrophensicheren Tübingen sitze. Keiko, die zum Zeitpunkt des Hauptbebens im Büro war ist bis auf einige heruntergefallene Gegenstände und einen 20 Kilometer Fußmarsch auf Absätzen zum Glück nichts zugestoßen, auch sämtlichen Bekannten und Verwandten geht es den Umständen entsprechend gut. Leider überschlagen sich momentan noch die Todes- und Schadensmeldungen, das gesamte Ausmaß der Katastrophe wird sich wohl auf Tage hinweg noch nicht abschätzen lassen.

Fujisan, Möwenkacke, Friedhof der Kuscheltiere und ein Restauranttip

Hier der Versuch fünf gänzlich unzusammenhängende Bilder in eine zusammenhängende Narration einzubetten. Los gehts:

Gestern Abend trug sich etwas Besonderes zu: durch den klaren Abendhimmel hindurch war von einer Brücke über den Nakagawa der Fujisan zu sehen. Neben den zahlreichen Erdbebenfrühwarnsystemen Tokios scheint es auch für Fujisichtungsereignisse einen Alarm zu geben, denn kaum hatten sich die Umrisse des Berges abgezeichnet, kamen aus allen Himmelsrichtungen Hobbyfotografen mit Stativen und den üblichen klobigen Riesenkameras angerannt, ohne sich allerdings der Gefahr bewusst zu sein, in der sie sich befanden:

Die Straßenlampen auf der Brücke stellen nämlich einen beliebten Ausruh- und Zielübungsplatz für durchreisende Seemöwen dar, was bestimmt den einen oder anderen Fotografen recht unsanft aus seinen Fujimeditationen gerissen hat.


Wer gegenüber seinen Haustieren liebevollere Gefühle hegt als gegenüber anarchisch um sich kackenden Seevögeln, den wird dieses Werbeplakat einer Firma erfreuen welche “anata no petto wo tengoku he” – “ihr Haustier in den Himmel” befördert. Auf japanischen Friedhöfen der Kuscheltiere werden Urnen und Grabsteine ähnlich wie im Buddhismus oder Shinto errichtet, daher ist es interessant, dass man die toten Tierlein trotzdem mit Heiligenscheinen und Engelsflügeln augestattet hat. Vielleicht handelt es sich ja um die verstorbenen vierbeinigen Freunde derjenigen sympathischen Männlein und Weiblein, die sich am ersten Januar mit Plakaten vor den größten Schreinen platziert hatten und Millionen Japanern auf dem Weg zum Neujahrsgebet verkündeten, dass sie sich auf direktem Weg ins Höllenfeuer begeben, sollten sie sich nicht anhand von ein paar Bannern und Lautsprecheransagen zum Christentum bekehren.

Eine gänzlich andere Attacke auf japanische Kultur und Lebenseinstellung erlebten Keiko und ich bei einem Besuch des persich-türkisch-usbekischen Restaurant Zakuro in Nippori. Dessen Besitzer, ein äußerst unkonventioneller Mensch namens Ali, pfeift auf jegliche japanische Restaurantetikette und befiehlt seinen Gästen zunächst lustige türkische Westen bzw. Bauchtanzkleider anzuziehen. Anschließend wird man mit etwas Glück bedient, mit etwas Pech dazu gezwungen Aushilfskellner zu spielen und anderen Gästen die Getränke zu bringen. Eine Speisekarte existiert meines Wissens nicht – für 2000 Yen tischt einem Ali auf was er für angemessen hält und bringt so lange neue Schüsseln, Teller und Fleischspieße bis man es nicht mehr schafft die vorangegangenen Speisen komplett zu vertilgen. Zwischendurch kann es vorkommen, dass er durch den Raum tänzelt und alle anwesenden Gäste mit Rosenwasser bespritzt oder auf höfliche Bitten nach mehr Tee mit “YADAAA!” reagiert, ein Wort das von “nicht jetzt” bis “leck mich” viele Bedeutungsebenen hat. Auf einen schüchternen kleinen Studenten der seine Restaurantwahl für das erste Date mit einer Kommilitonin sichtlich bereute hatte es Ali besonders abgesehen. Er bekam eine besonders großzügige Dosis Rosenwasser ab, musste die dreckigen Teller in die Küche bringen und ihm wurde mitgeteilt, dass seine Nase einem Vergleich mit der meinigen was Kriterien wie Ästhetik, Form und Attraktivität angeht, in keinster Weise standhält. Zum Ausgleich bekam er zwar ein Bier umsonst, aber seine Begleiterin sah wohl nach all diesen Demütigungen keine gemeinsame Zukunft mehr. Sie flüsterte ununterbrochen “kimochi warui” – “iiih/wie schrecklich/widerlich…” und weigerte sich beim Verlassen des Restaurants demonstrativ seine dargebotene, nach Rosenwasser duftende, Hand zu ergreifen. Hier eine kleine Impression aus diesem schönen Restaurant das jedem ans Herz gelegt sei der großen Hunger und eine ähnlich schöne Nase wie ich aufzuweisen hat. Ich sollte noch hinzufügen, dass Keiko in Wirklichkeit nur halb so breit ist. Ihr Bauchtanzoutfit ist sehr ausladend geschnitten. Ebenfalls sollte ich hinzufügen, dass ihr Kopf in Wirklichkeit nicht so schräg auf ihren Schultern sitzt, dies ist dem Kamerawinkel geschuldet. Aus aktuellem Anlass sei auch noch gesagt, dass es sich bei Keiko um die Person am rechten Bildrand handelt, nicht das ausgestopfte Wesen dazwischen. Am Besten denkt man sie sich komplett weg und schweigt still darüber, dass dieses Bild hier veröffentlicht ist, ansonsten blühen mir eventuell schlimmere Dinge als Rosenwasserduschen.

Vorsätze und große Veränderungen 2011

Wie schon sehr plakativ im Titel angekündigt werden sich für mich und diese Homepage 2011 einige Dinge ändern. Bevor ich jedoch den Spannungsbogen vorschnell auflöse schnell noch einige wahllose Vorsätze für das neue Jahr:

1. Jeden Tag mindestens ein neues Kanji lernen. Wenn man den Stimmen glauben schenkt, die behaupten, dass man mit 2000 Kanji bereits eine Tageszeitung lesen kann, hätte ich dieses Ziel in etwas unter fünf Jahren erreicht. Ich hoffe die Vorfreude auf diesen Moment bietet hinreichend Motivation.

2. Einen Marathon laufen um hinterher aller Welt kundtun zu können wie unvorstellbar schwer und anstrengend es ist einen Marathon zu laufen. Zwei Halbmarathons zählen nicht.

3. Weniger Geld für die Beschaffung von Elektrogeräten ausgeben, die die ersten drei Monate ihrer durchschnittlich dreijährigen Lebensdauer begeistern und den Rest der Zeit frustieren weil ich mittlerweile längst auf ein tolleres Modell schiele. Ein kurzer Überschlag hat ergeben, dass sich in meiner Wohnung ganze 12 Gerätschaften mit Displays befinden. Vom Hanlin E-Reader (eine chinesische Kopie des Amazon Kindle) über einen elektronischen Bilderrahmen von Docomo, bis hin zum Garmin Forerunner der sich gottseidank noch innerhalb des dreimonatigen Euphoriezeitfensters befindet.

4. Mehr selber kochen und mich weniger auf die Glutamatkreationen der lokalen Pizzainder und China-Thai Vietnamesen, sowie die Erzeugnisse der Firma Bürger verlassen.

5. Einen wissenschaftlichen Aufsatz zur NS-Vergangenheit meiner Schule verfassen und hierfür 6. meine auf diese Homepage nicht gerade kompetent erscheinenden Kenntnisse der deutschen Zeichensetzung verbessern.

7. Zukünftige Listen nicht mit einer so unschön-ungeraden Primzahl wie der Sieben enden zu lassen.

Soviel zum Thema gute Vorsätze, bevor jetzt aber auf die großen Veränderungen eingegangen wird, noch eine Sache von deutlich höherer Brisanz: eine Galerie japanischer Neujahrspostkarten mit süßen Häschen drauf (2011 ist das Jahr des Hasen).
Schockierend, dass einige Hasen aussehen als wären sie lediglich langohrige Varianten der Ratten aus dem Jahre 2008…

Ich finde, dass ich mit dermaßen vielen erbaulich-süßen Hoppelhäschen der Erwartungshaltung meiner Leser eigentlich genüge getan habe und ihren sicherlich bereits angeregten Adrenalinhaushalt nicht auch noch mit den versprochenen großen Ankündigungen zusätzlich strapazieren muss. Man muss den Leuten schließlich auch Dinge lassen auf die sie sich freuen können.

Warum das Ganze also nicht als kleines Rate-Gewinnspiel aufziehen? Der erste Hinweis auf den Lösungssatz: die letzte Hasenkarte stellt eine etwas abgelutschte Hommage an das Werk eines gewissen Künstlers dar – gesucht ist dessen Nachname. Zu gewinnen gibt es ein kleines Mitbringsel aus Japan nach Wahl.

Alles beim Alten im neuen Jahr

Juhu und wieder habe ich einen neuen Jahreswechsel in Japan vollbracht. Mittlerweile hat sich große Routine eingestellt: wie jedes Jahr kamen im Fernsehen “Gaki no Tsukai” (die wir-sperren-sieben-Deppen-für-24-Stunden-in-ein-Studio-und-hauen-ihnen-jedes-Mal-auf-den-Hintern-wenn-sie-lachen-Show), beziehungsweise der Rot vs. Weiß Songcontest, bei dem die momentan angesagten Retortenmusikanten gegeneinander antreten. Momentan geht der Trend zu Megabands mit einer zweistelligen Anzahl von Mitgliedern – das hat den Vorteil, dass man zu alt beziehungsweise aufmüpfig gewordene Mitglieder jederzeit recht unauffällig durch neue ersetzen kann. Es gibt genau drei Arten von Liedern, die dargeboten werden: Liebesschnulzen, von denen JEDE mindestens einmal den Ausdruck „wasurenaide!“ (vergiss nicht) beinhalten muss, hyperaktive, herumhops-Spaßmusik, und von älteren Semestern vorgebrachte, nostalgische Stücke, bei denen die jüngeren Kolleginnen und Kollegen in Lederreizwäsche, 50 Meter langen Brautkleidern oder sexy-Schulmädchenoutfits so tun müssen als wären sie zutiefst ergriffen und voll der Bewunderung, während sie in Wirklichkeit vermutlich eher das hier denken.

Wie jedes Jahr gab es die üblichen Spinnenkrabben zum Neujahrsabendessen, aber die habe ich mittlerweile fast schon liebgewonnen. Sie schmecken auch recht lecker, wenn man versucht sich nicht bewusst zu machen, dass man gerade das einen halben Meter lange, stachel- und klauenbewehrte Bein eines fürchterlichen Tiefseedämonen aussaugt. Ansonsten standen dieses Jahr noch in Seetang gewickelte Lachsstückchen, Pudding mit Fisch drin, Riesengarnelen inklusive der von Keiko höchstpersönlich aus ihnen herausgepulten, grünlichen Eiern, Miso Suppe mit Seetang und Reis auf dem Menü. Aber keine Sorge: damit der arme Reis sich nicht etwa als einziges Lebensmittel ohne Meereserzeugnisse grämen musste, war er vorsorglich mit getrocknetem Fischpulver besprenkelt worden.

Wenigstens im sportlichen Bereich gab es über Neujahr eine Veränderung, denn ich wagte mich zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder auf ein Snowboard. Anscheinend ist snowboarden wie Fahrradfahren – man verlernt es nie mehr. Das bringt mir zwar wenig, da ich es noch nie konnte, aber immerhin war ich nach wie vor in der Lage ganz ausgezeichnet schräg nach links bzw. schräg nach rechts zu fahren, lediglich die an beiden Enden der Piste nötigen Richtungswechsel hierfür waren jeweils mit einem eleganten Sturz aufs Gesicht, beziehungsweise den Allerwertesten verbunden. Immerhin konnte ich nach einigen Stunden auch von links nach rechts wenden, und hatte die Hinfallwahrscheinlichkeit beim Wechsel von rechts nach links von 100 auf etwa 60 Prozent reduziert. Einmal schaffte ich es sogar über eine Schanze zu springen und erst zehn Meter später hinzufallen, ein weiteres Mal gelang mir statt eines normalen Richtungswechsels eine atemberaubende 360 Grad Drehung, die zum Glück in einem Fangnetz, anstatt 100 Meter tiefer endete. Dummerweise existieren dafür keine Videobeweise, alles was ich aufzubieten habe ist dieser wenig schmeichelhafte Clip von meinen anfänglichen Bemühungen. Immerhin schlägt mir Youtube als Tag für dieses Video den Begriff “Highspeed” vor.

Während das neue Jahr rund um die Welt mit Riesenfeuerwerk, Partys und Dachstuhlbränden begangen wurde, ging es in Sugadaira deutlich geruhsamer zu. Das Mitternachtsfeuerwerk musste erneut wegen Geldmangel ausbleiben, stattdessen war aber angekündigt, dass um 21 Uhr ein Neujahrs EVENT stattfinden würde. Keiko und ich wollten da natürlich nicht fernbleiben, und das EVENT war auch fürwahr gigantisch: es bestand aus einem Klapptisch auf dem links eine Schüssel mit Losen stand, rechts war ein Bottich mit der japanischen Variante von Glühwein – süßer, warmer Sake mit Reis. Rings um den Tisch hatten sich mindestens 20 Menschen eingefunden um das EVENT mitzuerleben. Nachdem wir eine halbe Stunde lang ausgelassen gefeiert hatten, fuhren noch fünf Skifahrer mit Fackeln die benachbarte Piste hinunter, was gleichzeitig das Ende des EVENTS signalisierte, so dass wir die verbleibenden zweieinhalb Stunden bis Mitternacht in einer Kneipe überbrücken mussten.

Ich hoffe alle meine Leser hier sind auf ähnlich schöne Weise ins neue Jahr gerutscht und wünsche hiermit ein tolles 2011!