Die bislang etwas einsilbe Seite zum Hintergrund meines Blogs ist seit heute wie durch Zauberhand viel ausführlicher geworden!
Die Küchenschlacht
Auf der Suche nach einer Wochenendaktivität, die nicht darauf hinauslief mich zum Salsatanzen bzw. Keiko zum yakiniku baikingu* zu schleppen, stießen wir auf eine Zeitungsannonce des “ABC-Cooking Studios” in Ginza, das uns für spottbillige 500 Yen pro Person einen Paella-Kochkurs mit anschließendem Verzehr anbot.
*Ich weiß nicht woher der Ausdruck kommt, aber baikingu = Viking ist die japanische Bezeichnung für All-you-can-eat. Vielleicht herrschten beim Personal der ersten japanischen Restaurants, die diesen Service anboten, beim Eindringen sabbernder, futterneidischer Langnasen ähnliche Angst- und Panikzustände vor, wie bei den Bewohnern nordenglischer Küstendörfer im 9. Jahrhundert.
Auf den ersten Blick machte das ABC Cooking Studio einen hervorragenden Eindruck. Auf den langen Küchentischen blitzte es nur so vor teutonischem Chrom und Edelstahl, und es hätte mich nicht gewundert wenn plötzlich Johann Lafer mit lautem “IrasshaimasHEYYYYYY!” zur Türe hereingekommen wäre.
Eine Frau Kawaguchi nahm uns zugleich in Empfang, beglückwünschte uns zu unserer Entscheidung das ABC Cooking Studio zu besuchen, und bat uns noch um fünf Minuten Geduld, in denen sie uns schnell einen kurzen Überblick über die grandiosen Angebote des ABC Cooking Studios geben wollte. An dieser Stelle muss ich kurz anmerken, dass ich in Erwartung eines größeren Festmahles seit 11 Uhr morgens nichts Festes mehr zu mir genommen hatte und insofern neidisch auf die regulären Teilnehmer schielte, die bereits mit der Zubereitung eines indonesischen Gerichtes begonnen hatten. Frau Kawaguchi ließ sich durch meine Leidensmine nicht beeindrucken, und ging dazu über, uns in die fünf Geheimnisse hinter dem Erfolg von ABC Cooking einzuweihen. Zunächst wunderte ich mich noch über die Bereitschaft der Firma, ihre intimsten Geheimnisse für nur 1000 Yen an zwei dahergelaufene Geizkragen zu verraten, aber die fünf Geheimnisse stellten sich als dermaßen verworren und komplex heraus, dass ich sie mir sowieso nicht hätte merken können. Allein Geheimnis Nr. 1 nahm über eine Viertelstunde in Anspruch und konnte uns nur unter Zuhilfenahme zahlreicher Tabellen, Diagramme und dramatischer Gesten vermittelt werden. Über 45 Minuten dauerte es bis Frau Kawaguchi endlich Mitleid mit Keikos glasigen Augen und meinem begehrlich auf die fast fertigen Speisen der restlichen Kochenden gerichteten Blick hatte und uns an eine Arbeitsplatte führte. Dort hatte man die Zutaten unserer Paella bereits vorbereitet: Etwas Reis, eine halbe Aubergine, eine viertel Zwiebel und vier Shrimps. Alles in allem, gerade genug um eventuell einen Lilliputaner zu sättigen, der gerade ein Hamburgerwettessen gewonnen hat.
Trotzdem machten wir uns mit dem Mut der Verzweiflung ans Kochen, angefeuert von der unermüdlichen Frau Kawaguchi, die bei jedem zerhackten Stück Zwiebel entrückte Jubelrufe ausstieß: “Wie schön! Wie lecker!”.
Gegen 22.00 war endlich alles bereit. Unsere Winzpaella dampfte appetitlich vor sich hin und wir wollten uns schon darüber her machen, mussten jedoch zunächst einen weiteren Monolog seitens Frau Kawaguchi ertragen, in der sie uns den Erwerb eines ABC Abos nahelegte: zehn weitere Kochstunden, mit jeweils 5000 Yen nur geringfügig teurer als das Kennenlernangebot. Wir lehnten dankend ab griffen zu unseren Tellern, aber nein, im ABC Cooking Studio spülen die Teilnehmer vor dem Essen ihr Geschirr eigenhändig ab. Erst gegen 23 Uhr durften wir endlich unser mittlerweile kalt gewordenes Festmahl verzehren, was weniger Zeit beanspruchte als die Einleitung zu Geheimnis Nr. 1. Wie es ABC trotz allem schafft regelmäßige Kunden zu gewinnen, ist vermutlich Inhalt des uns nicht mitgeteilten Geheimnisses Nr. 6.
Space Battleship Yamato, oder: Wie Japan den Krieg doch noch gewann.
Als die Yamato, Flaggschiff der japanischen Marine, im April 1945 sank, ging mehr als nur ein Schiff verloren. Der 250 Meter lange und 72.000 Tonnen schwere Koloss symbolisierte auch die militärische Stärke des Landes, seinen Großmachtsanspruch und sein gesamtes Volk (Yamato ist ein alter Begriff für Japan). Die Versenkung der Yamato war somit ein wichtiger moralischer Wendepunkt im Pazifikkrieg, auch wenn die Marineführung den Verlust des Schiffes erst einen Monat später bekanntgab. Hitler hatte übrigens zu Beginn des Krieges den Kreuzer “Deutschland” in weiser Voraussicht in “Lützow” umbenannt um Ähnliches zu verhindern.


Die Yamato sollte jedoch nicht für immer auf dem Meeresboden verbleiben. In der 1974 erschienenen Animeserie “Space Battleship Yamato” wird die Erde von übermächtigen Aliens attackiert, welche die Menschheit durch Einsatz von Atombomben an den Rand der Vernichtung bringen. Die Erdverteidigungskräfte sind komplett japanisch besetzt, in ihrer Rhetorik erinnern sie stark an die Militärdoktrin des zweiten Weltkriegs. So versucht Admiral Okita beispielsweise in der Anfangssequenz seine Raumschiffe zum taktischen Rückzug zu bewegen, erhält jedoch die Antwort “wenn ich mich jetzt zurückziehe wäre ich zu beschämt den Verstorbenen entgegenzutreten”, beziehungsweise “ein Mann sollte kämpfen, so viele Feinde wie möglich töten und dann sterben”. Doch noch ist nicht alles verloren, schließlich haben die Atombomben der Aliens sämtliche Ozeane verdampft und somit das Wrack der Yamato freigelegt. Dieses wurde heimlich in ein Raumschiff mit Hyperraumantrieb umgerüstet, welches sich sämtlichen Gesetzen der Statik und Aerodynamik zum Trotz aufmacht, um die Technologie zur Aufhebung der nuklearen Verseuchung von einem fremden Planeten zu beschaffen.
Gerade als die neue Yamato zu diesem Himmelfahrtskommando aufbricht, wird sie von einem “Raumjägerträger” der Aliens attackiert. Hier enden jedoch die Parallelen zum Pazifikkrieg, denn das Schiff kann sich der angreifenden Raumschiffe erwehren und zerstört den Träger mit seinen mächtigen Kanonen. Die feindlichen Aliens erinnern eher an Nazis, als an Amerikaner, ihre Namen klingen deutsch (Shultz, Gomel, Gantz), sie salutieren mit einer Art Hitlergruß und werden von einem bösen Diktator namens Desler regiert. Es sind also die Japaner, die hier die Welt vor einem Imperium des Bösen bewahren, die Geschichte wird quasi in der Zukunft umgeschrieben und zur eskapistischen Fantasie eines gedemütigten und zwangsdemilitarisierten Landes. Vielleicht erklärt sich so der riesige Erfolg der Serie in Japan – ein Yamatofilm überflügelte 1978 sogar den ersten Star Wars Teil an den Kinokassen.
Yamato ist für alle die es nicht kennen immer noch sehenswert, vor allem weil man schnell erkennt, inwiefern die Serie auch westliche Science Fiction Filme inspiriert hat (z.B. Kampfstern Galactica). Momentan wird an einer Realfilm Version der Yamatostory gearbeitet, die im Dezember in die Kinos kommen soll. Ob sich wohl jemals ein deutscher Regisseur vom visionären Kaliber eines Uwe Boll an “Weltraumschlachtschiff Bismarck” wagen wird?
Wer übrigens auf der Suche nach richtig deftigem japanischen Geschichtsrevisionismus ist, der schaue sich bei Google nach der Serie “Konpeki no Kantai” um, eine auf Zelluloid gebannte Masturbationsfantasie japanischer Nationalisten: Admiral Yamamoto steht von den Toten auf, reist in die Vergangenheit und rüstet Japan auf eine Weise auf, dass es die USA im Handstreich besiegt, zum Retter Asiens wird und zuletzt Heinrich von Hitler und sein Großeuropäisches Reich niederringt.
Interessante Links:
“When Pacifist Japan Fights” Essay u.a. über Space Battleship Yamato
Alle Folgen der Originalserie mit englischen Untertiteln
Fünf Jahre Christian in Japan
Potz Blitz, Ei der Daus und ach du grüne Neune – auch wenn es mir selbst schwer fällt es zu glauben – ein Blick auf den Kalender sagt mir, dass ich meine kleine Homepage seit nunmehr fünf Jahren betreibe, eine in Internetmaßstäben gemessen, unvorstellbar lange Zeit.
Los ging es 2005 mit einer per Freenet-Homepagebaukasten zusammengestümperten Designkatastrophe, die dermaßen augenkrebsverursachend hässlich war, dass sich ein Freund erbarmte und mir eine deutlich schönere Version per HTML erstellte. Leider stellte die sich als recht sperrig in der Handhabung heraus, die unangekündigte Löschung und Terminierung meines kostenlosen Accounts durch Freenet gab dann den letzten Anstoß mir endlich eine eigene Domain zuzulegen und auf WordPress umzusteigen.
Mittlerweile habe ich es auf exakt 150 Artikel gebracht, die geringe Anzahl erklärt sich dadurch, dass ich bisher lediglich während meinen Japanaufenthalten geschrieben habe, was sich aber durch das benutzerfreundliche WordPress Format und die mittlerweile deutlich über hundert Besucher am Tag hoffentlich ändern wird. Außerdem setze ich eher auf Qualität statt Quantität und wollte nie einer dieser Billigblogger werden, die kaum mehr tun als täglich einen Link oder ein Bild zu veröffentlichen.
Nach wie vor besuchen mich etwa 10 Individuen pro Tag, die laut meiner Statistik eigentlich auf der Suche nach “nackten Omas”, “schwulen Bodybuildern” oder gar “behaarten Bauarbeitern” sind. Bei diesen Herrschaften möchte ich mich herzlichst dafür entschuldigen keine dementsprechenden Inhalte bieten zu können, jetzt wo das passiert ist, wäre es mir allerdings recht, wenn ihr euch möglichst zügig verkrümeln tätet. Husch, husch, hinfort!
So, zum Schluß noch ein paar Danksagungen an:
1. Keiko natürlich
2. Meine Familie (für moralische und monetäre Unterstützung)
3. Das Land Baden Württemberg (für mein größtenteils ins Ausland abfließende Beamtengehalt)
4. Tabibito (für die Aufnahme in den Japanblogradar und die vielen zusätzlichen Besucher)
5. Philipp W. (für Hilfe beim Umzug auf WordPress)
6. Natürlich allen, die hier trotz eklatantem Mangel an nackten Bodybuildern, Omas und Bauarbeitern regelmäßig vorbeischauen.
Gewisse Ausländer unter bestimmten Umständen raus! (Aus Japan)
Gestern besuchten Keiko und ich das Azabu Juban Matsuri, ein Straßenfest in der Nähe von Roppongi. Zwei große, parallel verlaufende Straßen waren komplett von Verkaufsständen für Essen und Krimskrams gesäumt, dazwischen pro Quadratmeter ungefähr 3 Menschen.



Trotz Enge, Hitze und Rempelei eine sehr spaßig Angelegenheit, auch wenn die beiden von mir in Japan meistgehassten Arten von Ausländern in Scharen unterwegs waren:
Nr. 1: Kurtz Syndrom im Endstadium.
In Joseph Conrads Novelle “Heart of Darkness” bzw. der Vietnamkriegsadaption “Apokalypse Now” residiert ein gewisser Herr Kurtz im Dschungel unter Eingeborenen und “goes native”, das heißt er kapselt sich von seinen westlichen Wurzeln ab, passt sich der Lebensweise der Eingeborenen an und reagiert äußerst gereizt, wenn er mit ehemaligen Landsleuten konfrontiert wird. Das trifft sehr schön auf einen bestimmten Schlag von meist männlichen Ausländern in Japan zu, auch wenn ich nicht so weit gehen will ihnen zu unterstellen, dass sie wie der fiktive Herr Kurtz ihre Domizile mit abgehackten Schädeln und dergleichen unapettitlichen Dingen dekorieren. Kurtzsyndromler interessieren sich seit früher Kindheit für alles Japanische, vor allem Manga und Anime, schaffen sich eine japanische Freundin an und machen sich so bald es geht in ihr persönliches Utopia auf. Dort trifft man sie dann zum Beispiel beim Azabu Juban Matsuri: Gekleidet in Kimonos und Holzschuhe schreiten sie würdevoll durch die Menge, sollte ein anderer Ausländer ihren Weg kreuzen oder es gar wagen sie zu grüßen, schauen sie entweder angestrengt weg, oder bedenken den Eindringling in ihr persönliches Japan mit einem Blick, der dem Scharfrichter des Shogun zu Ehre gereicht hätte. Rücken wir ihr Verhalten mal ein bisschen in die richtige Perspektive. Ist ein Japaner, der mit Cowboyhut und Fransenhose auf einem texanischen Rodeo herumhüpft eine ehrfurchtgebietende Erscheinung? Wie sieht es mit einem Kenianer aus, der auf dem Oktoberfest einen Schuhplattler im Trachtenanzug hinlegt? Wenn man als Westler schon meint in traditioneller japanischer Kleidung herumlaufen zu müssen, dann darf man dabei wenigstens nicht vergessen, verlegen zu grinsen. Hier, ich zeige kurz wie das geht:
Das exakte Gegenteil der Mr. Kurtz Fraktion. Vermutlich trifft man zwar an jeder deutschen Problembezirkstankstelle mehr Proleten an, als in ganz Japan rumspringen, aber in der auf Harmonie und Konformität bedachten japanischen Gesellschaft stechen sie heraus wie ein Haufen Hundescheiße im Zengarten: Grölende Extremmachos, denen vor Testosteron schier das Unterhemd platzt, sturzbesoffene Aushilfsenglischlehrer, die sich an Mädels in Begleitung ihres Freundes ranmachen oder zwielichtige Typen, die einem die Hand auf die Schulter legen und einen mit “Buddy” ansprechen. Manch ein Prolet schafft es sogar in die Nachrichten, zum Beispiel der vierzigjährige englische Tourist, der es für eine gute Idee hielt nackig in den Palastgraben zu springen und von 50 Polizisten eingefangen werden musste. Manchmal sind die Prolos jedoch so nett sich nach ihren Aktionen aus dem menschlichen Genpool zu entfernen, so geschehen bei einem Englischlehrer in der Gunmapräfektur, der es ebenso für eine gute Idee hielt sich seiner Kleidung zu entledigen, auf einer Straße einschlief und von einem Lastwagen überfahren wurde.
Das ist sehr lobenswert, allerdings geht es meiner Meinung nach noch nicht weit genug.
Mein Vorschlag wäre daher beide Problemgruppen etwas aufzurüsten, die Kurtzler mit Samuraischwertern, die Prolos mit Baseballschlägern, um sie dann im Zuge eines lustigen Fernsehformates gegeneinander antreten zu lassen. Die Kurtz Fraktion ruft “Tenno Heika Banzai!”, die Prolos rülpsen, grölen und machen sich nackig, darauf folgt eine fröhliche Klopperei, die von den oben eingeblendeten Studiogäste mit eifrigen “Heeeeee?!?’s” kommentiert wird.
Resultat: nur noch nette Ausländer in Japan, sowie eine 200 prozentige Niveausteigerung des japanischen Fernsehens.
Große Japaner Nr. 5: Hiroo Onoda
Als der junge japanische Universitätsabbrecher Norio Suzuki 1972 zu einer Weltreise aufbrach, gab es drei Dinge die er unbedingt finden wollte: einen Panda, den Yeti und Leutnant Hiroo Onoda. Bei Letzterem handelte es sich um einen japanischen Leutnant, der 1944 auf die Insel Lubang in der Nähe der Philippinen verfrachtet worden war, mit dem Auftrag einen Guerillakrieg gegen die Flugfelder und Basen der Amerikaner zu führen. Ohne zu wissen was man damit anrichten würde, hielt Onodas Vorgesetzter kurz vor Beginn der Mission noch eine kleine Motivationsansprache und schärfte ihm ein, er dürfe sich unter keinen Umständen ergeben, selbst wenn seine Einheit nur noch aus einem Mann bestünde. Auch wenn es mehrere Jahre dauern könne, irgendwann würde man kommen und ihn abholen.
- Onoda, der von seinen Soldaten aus mir nicht bekannten Gründen Sojasoße (shoyu) genannt wurde, machte sich sogleich frisch ans Werk, allerdings wurde seine Einheit kurz nach ihrer Ankunft von den Amerikanern aufgerieben – nur Onoda und drei weitere Soldaten konnten sich in den Dschungel retten. Leider blieb keine Zeit ein Funkgerät mitnehmen, und so ging der 15. August 1945 spurlos an den vier Männern vorüber. Weil es schon bald keine Amerikaner mehr auf der Insel gab erschoss die Gruppe über Jahre hinweg immer wieder Bewohner der umliegenden Dörfer, bei denen es sich in Wahrheit natürlich um verkleidete Feindtruppen handelte und widerstand einer plumpen Propagandakampagne der philippinischen Regierung, die zahllose Flugblätter, Zeitungen und sogar Briefe von Verwandten der Soldaten über dem Dschungel abwarf um so die Kampfmoral der tapferen Truppen zu untergraben. 1949 erzielte der Feind endlich einen ersten Erfolg, denn Yuichi Akatsu, dem man von Anfang an misstraut hatte, verriet Kaiser und Vaterland und ergab sich feige den philippinischen Behörden. 1954 wurde ein weiterer der Männer in einem Feuergefecht getötet, Onodas letzter Untergebener starb 1972 bei einem Versuch die philippinische Ökonomie durch Inbrandsetzung eines Reisfeldes zu schwächen.
Am Morgen des 20. Februar 1974 wurde der im Dschungel kampierende, eingangs erwähnte, Norio Suzuki unsanft geweckt. Es war weder der Yeti, noch ein Pandabär der ihm da plötzlich entgegen starrte, sondern der Lauf von Onodas Gewehr. Geistesgegenwärtig salutierte Suzuki und sprach Onoda mit Namen an, woraufhin dieser zwar davon absah den Eindringling zu töten, ihm jedoch keinesfalls glauben wollte, dass der Krieg schon seit mehreren Jahrzehnten zu Ende sei. Erst als Major Taniguchi, Onodas Vorgesetzter, der ihm vor 30 Jahren die etwas zu erfolgreiche Motivationsrede gehalten hatte, zusammen mit dem Befehl, dass alle Kampfhandlungen auf Lubang umgehend einzustellen seien, aus Japan eingeflogen wurde, war der zweite Weltkrieg endlich überall auf der ganzen Welt vorbei.
Zurück in Japan wurde Onoda als Held gefeiert, hielt den Trubel um seine Person aber nicht lange aus und emigrierte nach Brasilien, wo er Rinderzüchter wurde, noch später gründete er “Onodas Naturschule” um der japanischen Jugend Naturverbundenheit und traditionelle Werte zu vermitteln. Auf den Philippinen gab es zwar diverse zaghafte Proteste gegen die Verherrlichung eines Mannes, der immerhin im Lauf der Jahre rund 30 Einwohner der Insel getötet und über 100 verwundet hat, aber das ist doch eine Lappalie im Vergleich so viel Vaterlandsliebe. Auch Präsident Marcos sah dies schließlich ein und begnadigte Onoda, der sich auch heute noch guter Gesundheit erfreut.
Nur zwei Jahre vor Onodas Kapitulation hatte sich übrigens auf Guam ein weiterer pflichtbewusster kaiserlicher Soldat namens Shoichi Yokoi ergeben und dabei die Worte “es ist mir sehr peinlich, aber ich bin lebendig zurückgekehrt” gesprochen. Wie mir Keiko und die Wikipedia soeben erklärten wird dieser Satz bis heute von manchen japanischen Touristen verwendet, wenn sie aus dem Urlaub zurückkehren.
Große Japaner Nr. 4: Segata Sanshiro
Ich liebe es, dass die Japaner bei vielen Dingen einfach ohne Rücksicht auf Verluste einen Schritt weiter gehen als wir armseligen Westler. Beispiele gefällig? CC-Lemon, das Erfrischungsgetränk mit dem Vitamin C aus SIEBZIG Zitronen oder der Tokyo Sky Tree: eines der erdbebenreichsten und hochverschuldetsten Länder der Welt baut sich einen 634 Meter hoher Prestigeturm.
Ähnlich ging auch die PR-Abteilung der Vidospielefirma Sega vor, als es Ende der 90er Jahre darum ging die schlechtlaufende Konsole “Sega Saturn” zu vermarkten. Man hätte selbstverständlich hervorheben können welch tolle Spiele es dafür gibt, was für eine prima Grafik die haben oder wie günstig alles zusammen ist, aber mit solch verweichlicht-duckmäuserischem Gekleckere gab man sich gar nicht erst ab. Stattdessen kreierte man eine Heldenfigur und füllte sie mit so viel purer, unverdünnter Männlichkeit, dass sich Chuck Norris und Arnold Schwarzenegger dagegen wie kichernde Schulmädchen mit Hello Kitty Anhängern am Handy ausmachen: SEGATA SANSHIRO.
Der Name entstand angeblich durch schnelle Aussprache des Werbeslogans “Sega Saturn shiro!” (Du musst Sega Saturn spielen!) und spielt gleichzeitig auf Sugata Sanshiro an, einen Judomeister in einem Film von Akira Kurosawa. Segata Sanshiro begnügt sich aber nicht damit einfach nur böse zu gucken und männlich auszusehen, er hat auch eine Mission, die in einer eigens für ihn komponierten Ballade erläutert wird. Hier einige Auszüge: “Er wird diejenigen bestrafen die nicht ernsthaft spielen – ihre geschundenen Körper werden es niemals vergessen“, “Tennis, Karaoke, Rumgeflirte in der Disco – habt ihr nichts ernsthafteres zu tun?“ “Ihr müsst Sega Saturn spielen! Bis eure Finger brechen! BIS EURE FINGER BRECHEN!”
Und so geschah es: in der wohl epischsten Werbekampagne seit dem Zott-Sahnejoghurt Kind lauerte Segata Sanshiro japanischen Teenagern auf, die es wagten anderen Hobbies als dem Sega Saturn nachzugehen, würgte sie bewusstlos oder ließ sie seine brutalen Judokünste spüren, die dermaßen stark waren, dass seine Gegner manchmal sogar explodierten. Er setzte sich aber auch für das Gute ein indem er zum Beispiel der japanischen Fußballnationalmannschaft zum Sieg verhalf, oder als Weihnachtsmann kleine Kinder auf immer traumatisierte. In seiner Freizeit ließ er Baseballs von seinem nackten Oberkörper abprallen oder trainierte, indem er mit den Fäusten auf einen überdimensionierten Sega Saturn eindrosch.
Leider war irgendwann Schluss, denn die Nachfolgekonsole Sega Dreamcast stand in den Startlöchern. Doch anstatt einfach abzutreten legte Segata Sanshiro einen Abgang hin, der ihn umgehend ins Pantheon der heroisch Gestorbenen katapultierte, direkt neben König Leonidas, Horatio Nelson und Megatron: Segata Sanshiro warf sich einem von Terroristen auf das Segahauptquartier abgefeuerten Marschflugkörper entgegen, leitete diesen mit Hilfe seiner Bauchmuskeln um und explodierte im Weltall. Selten musste Japan den Verlust einer derartigen Persönlichkeit verkraften, wieviel einfacher wäre das Leben hier wenn er noch unter uns weilen würde. Nordkoreanische Atomraketen? Einfach zurückkicken. Selbstmorde und Mobbing unter Schülern? ein paar Schläge und ein lautes “SEGA SATURN SHIRO!” und gut ist’s.
So bleibt uns leider nur Segata Sanshiros Vermächtnis, auf ewig festgehalten in einer epischen Ballade (selbstverständlich großzügig mit Flammen und Explosionen hinterlegt).
Ruhe in Frieden!
Worte, die die Welt braucht!
Das Leben in Japan beschert durchschnittlichen Langnasenüberseeteufeln wie ich einer bin oftmals Erfahrungen und Emotionen, für die weder die japanische, noch die deutsche Sprache ein geeignetes Wort kennen. In Anlehnung an einen Artikel der Quirky Japan Homepage und Douglas Adams geniales Buch “The Meaning of Liff“ hier eine kleine Liste von Vokabeln, die unbedingt der deutschen Sprache hinzuzufügen sind. Wer weitere wichtige Wörter beitragen kann ist herzlich aufgerufen dies zu tun.
Baseballeichterung (N/f): Gefühl der Panik,das einem kurzzeitig befällt, wenn man sich spätnachts mit einer baseballschlägerbewehrten Gruppe Jugendlicher konfrontiert sieht, gefolgt von der Realisation, dass dieses Utensil in Japan fast nur für seinen ursprünglichen Zweck verwendet wird.
Englishock (N/m): der tranceartig-hilflose Zustand in den z.B. japanische McDonaldsmitarbeiter verfallen wenn man einen Quarterpounder ordert. Nur durch das Signalwort “kuootapaunda” können sie wieder ins Leben zurückgerufen werden.
Gaijindrinschreck (N/m): Befällt vor allem hausierende Wahrsager, Zeugen Jehovas, NHK Gebühreneintreiber oder Postboten, wenn ihnen die Haustüre nicht von einer braven japanischen Hausfrau, sondern einem unrasierten Deutschen in Pyjamahose geöffnet wird. Symptome: Zurückzucken, verwirrter zwischen Klingelschild und Pyjamahose hin und herschweifender Blick, doppelt so viele Verbeugungen wie gewöhnlich.
Genkankrobatik (N/f): Die zirkusreifen Verrenkungen, die vollführt werden müssen um beim Schuhe an/ausziehen den Eingangsbereich des Hauses (Genkan) nicht zu übertreten.
Hallomikaze Angriff (N/m): vorzüglich von Schulkindern ausgeübte Hit and Run Attacke auf westliche Ausländer: unbemerkt anschleichen, laut Hallo (ha-ro) rufen, hysterisch kichernd wegrennen, großes Fragezeichen über Kopf des Ausländers hinterlassen.
Heeeeeenfektion (N/f): unterbewusste und vollkommen unangebrachte Anwendung des Heeeeeeeeee?!? Begeisterungslautes nach Rückkehr in die Heimat. “Hasch scho gheert? Dr Paul hot an neia Traktor kauft!” “Heeeeeeeeee?!?”.
Irasshaimasentgegnung (N/f):
Das Bedürfnis sich gegenüber jedem Irasshaimase!!! brüllenden Angestellten zu verbeugen und irgendetwas Nettes zu erwidern.
Klausterie (N/f): Sporadisch auftretende Wut- und Verzweiflungsanfälle aufgrund permanenter Platznot. Klausterie tritt auf wenn z.b. beim Entnehmen eines Gegenstandes vom Schreibtisch fünf andere Dinge herunterfallen, oder man zwischen fünf schwitzenden Salarimen und einer Fensterscheibe eingeklemmt im Zug steht.
Pe-pa-plosion (N/f): Die katastrophalen Folgen, die bei Kontakt zwischen hauchdünnen, japanischen Taschentüchern/Klopapierprodukten und westlichen Nasen/Darminhalten entstehen.
Schwand (N/f):
Das Gefühl beim Verlassen eines klimatisierten Raumes im japanischen Hochsommer gegen eine physische Barriere aus schwül-heißer Luft zu prallen.
Rassismus und Propaganda im Pazifikkrieg
Vor wenigen Wochen erntete Tom Hanks eine Flut an konservativer Empörung, nachdem er in einem CNS Interview das Vorgehen der USA im Pazifik als einen “war of racism and terror” bezeichnet hatte. Im nächsten Satz ging er sogar noch einen Schritt weiter und zog Parallelen zu Irak und Afghanistan. Auch wenn Tom Hanks durch seine Rollen in verschiedenen Kriegsfilmen selbstverständlich genauso wenig ein kompetenter Historiker ist, wie ich ein Löwendompteur bin weil mich die Katze neulich fünf Minuten lang nicht gekratzt hat; dennoch ist die Frage, welche Rolle Rassismus und Propaganda im Pazifikkrieg spielten durchaus interessant und wert etwas genauer beleuchtet zu werden.
Der US-Historiker John Dower zeigt in einem sehr lesenswerten Buch überraschende Parallelen zwischen japanischer und amerikanischer Kriegspropaganda auf, vor allem was die Art und Weise betrifft wie der jeweilige Gegner dargestellt wurde: zunächst als unfähig und lächerlich, um die Siegesgewissheit der eigenen Bevölkerung und Soldaten zu stärken, später als böses, niederträchtiges, untermenschliches Ungeziefer, welches ohne moralische Bedenken getötet werden kann.
In den angespannten Monaten vor Ausbruch des Krieges dominierte in den USA und Großbritannien vor allem die erste Art der Darstellung – die Kampfkraft der japanischen Armee und Flotte wurde eher gering eingeschätzt. So kursierten bei vielen alliierten Soldaten Gerüchte, wonach Japaner zum Beispiel einen großen Teil ihres Gehirns für das Erlernen von Schriftzeichen opfern und daher kaum geistige Kapazitäten übrig hätten (bei europäischen Hirnen die Japanisch lernen ist dies übrigens durchau der Fall). Das Entziffern der kleinen Schriftzeichen führe darüber hinaus zu Kurzsichtigkeit und das Herumtragen von Säuglingen an der Brust zu einem gestörten Gleichgewichtssinn, insofern seien japanische Piloten in ihren ohnehin schrottreifen Maschinen keine ernstzunehmende Gefahr, überhaupt seien Japaner aufgrund ihrer schwächlichen Konstitution nicht für Kämpfe im subtropischen Klima geeignet. Und wie bedrohlich kann eine Nation schon sein, die nicht einmal mit den Looney Tunes, Bugs Bunny oder Popeye fertig wird?
Umso größer fiel der Schock aus, als japanische Piloten mit überraschend gutem Gleichgewichtssinn Pearl Harbor in Schutt und Asche legten, die britischen Schlachtschiffe Prince of Wales und Repulse von modernen Torpedobombern versenkt wurden, oder vor Singapur plötzlich japanische Soldaten aus dem Dschungel auftauchten. Während in der Presse nun das Schreckgespenst einer unbesiegbaren japanischen Kriegsmaschinerie heraufzubeschworen wurde, schwenkte die Kriegspropaganda auf die Darstellung der Japaner als barbarische und erzböse Untermenschen und Ungeziefer um. Hierzu trugen Berichte von unvorstellbaren zivilen Massakern im besetzten China bei, am prägendsten waren jedoch die Nachrichten über Verbrechen an alliierten Kriegsgefangenen, zum Beispiel während des Todesmarsches von Bataan bei dem Tausende von gefangenen US-Soldaten umgekommen waren.



Die Vorstellung von japanischen Soldaten als Untermenschen und Bestien führte dazu, dass es im späteren Kriegsverlauf auch zunehmend auf alliierter Seite zu Kriegsverbrechen kam. Während der “Island Hopping” Kampagne der US-Streitkräfte galt bei vielen landenden US-Truppenverbänden die Devise “Keine Gefangene” – sich ergebende oder verwundete Japaner wurden kurzerhand erschossen. Darüber hinaus kam es zu Leichenschändungen größeren Ausmaßes – eine recht verbreitete Praxis war es die Köpfe gefallener Japaner auszukochen und Totenschädel als Souvenirs zu sammeln. Letztlich wurde sicherlich auch die Entscheidung Hiroshima und Nagasaki auszulöschen durch die Überzeugung, dass moralische Skrupel in Bezug auf japanische Untermenschen unangebracht sind, erleichtert. Interviews mit Paul Tibbets, dem mittlerweile verstorbenen Piloten der Enola Gay, lassen diesbezüglich kalte Schauer den Rücken herunterlaufen.
Die japanische Seite sah sich zu Beginn des Kriegs in der Rolle des Befreiers Asiens vom Joch des westlichen Kolonialismus. Unter Vorherrschaft Japans sollte eine großostasiatische “Wohlstandssphäre” entstehen, der Marionettenstaat Mandschuoko diente hierbei als Modell. Trotz der Allianz mit Nazideutschland wurde dem westlichen Menschentypus unter Anderem eine deutlich größere Nähe zum Affen attestiert, als der homogeneren und reineren japanischen Rasse. In der japanischem Kriegspropaganda überwiegt das Bild vom grobschlächtigen, dämonischen Amerikaner oder Briten, welcher mordend und vergewaltigend versucht das neue Asien in seine Gewalt zu bringen.
Derartige rassistische Indoktrination, die Verachtung gegenüber Soldaten, die eine Gefangennahme dem Heldentod vorziehen, sowie im späteren Kriegsverlauf zunehmende Verbitterung angesichts zahlreicher Niederlagen und der amerikanischen Bomberkampagne gegen das japanische Festland, führten zu den oben erwähnten Verbrechen an westlichen Kriegsgefangenen. Insgesamt wird davon ausgegangen, dass über 27% aller gefangengenommenen GI’s entweder umgebracht wurden, oder aufgrund schlechter Versorgung verstarben.
Auf der anderen Seite war der japanischen Militärdiktatur viel daran gelegen, dass weder eigene Soldaten noch Zivilisten in die Hände der Amerikaner gerieten, um dann durch Berichte über gute Behandlung das öffentlich propagierte Bild zu untergraben. Mehrere kaiserliche Anweisungen riefen die Zivilbevölkerung umkämpfter Pazifikinseln dazu auf Selbstmord zu begehen, kombiniert mit der Angst vor dämonisierten amerikanischen Mördern und Vergewaltigen, sowie pervertierten Idealen aus Shinto und Bushido, führte dies auf ziviler Seite zu Massensuiziden, auf Seite der Soldaten zu sinnlosen Banzai-Angriffen. Alleine in Saipan stürzten sich fast 10.000 japanische Zivilisten von Klippen um der drohenden Gefangennahme zu entgehen, von der 30.000 Mann starken Militärgarnison ergaben sich gerade einmal 900.
Zuletzt übergebe ich das Wort an John Dower:
“Men on both sides of this war were fighting for freedom and humanity against slavery and brutality. The man on the other end of the rifle was not simply trying to kill you; instead, he was trying to destroy everything you held dear. The natural response to such a vision was an obsession with extermination on both sides—a war without mercy.”
Sommerurlaub II
Wenn man mit der Liebsten beim romantischen Picknick auf einer herrlichen Blumenwiese zusammensitzt, sich wunderschöne Dinge ins Ohr flüstert und gemeinsam den Geräuschen des lauen Sommerabends lauscht.
Wenn eine Gruppe strammer Jünglinge in der Blüte ihrer Jugend am nahegelegenen Berghang ihre überbordende Lebensfreude zum Ausdruck bringt.
Wenn sie den Hang in schnellem Lauf bezwingen, hinabeilen um ihn alsbald erneut erklimmen.
Wenn einen die Liebste mit verführerischer Stimme auffordert es den Jünglingen gleichzutun.
Wenn sie einem Bewunderung, erlesene Speisen und weitere Sinnesfreuden in Aussicht stellt, sollte man den Spurt in weniger als drei Minuten bewältigen.
Wenn man voll Tatendrang gen Berggipfel eilt, die Beine leicht, dem Hermes gleich. wenn die Liebe ungeahnte Kräfte freisetzt.
Wenn man, den Berg halb erklommen, von Erschöpfung übermannt, beginnt schwer zu atmen.
Wenn die Geschwindigkeit erlahmt, die Glieder zu Blei werden.
Wenn einem die strammen Jünglinge in der Blüte ihrer Jugend ein ironisches “Ganbatte!” hinterherrufen.
Wenn man fast ohnmächtig den Gipfel erreicht, wenn der ferne Anblick der Liebsten den geschundenen Körper zur letzten Anstrengung anspornt.
Wenn man, schwarze Punkte vor Augen, mit pochenden Kopfschmerzen auf die Liebste zutorkelt.
Wenn man, das ersehnte Ziel erst nach vier Minuten erreichend, in den Armen der Liebsten zusammenbricht.
Wenn man sein Mittagessen in die herrliche Blumenwiese erbricht…
… dann merkt man, dass man bald dreißig wird.













